Regionaler Flair statt große Kunst ?

von Patrick Kleeblatt

Musikschule und Theater der Minettemetropole stellen Saison 2016/17 vor

Es gibt in der Kulturszene Rituale denen die Presse sich nicht entziehen kann und will. So auch die alljährliche Vorstellung der neuen Spielzeit des Konservatoriums und des Escher Theater. Der Empfang fand im Dachgeschoß des Theaters statt und nebst den Direktoren der Spielhäuser hatte sich auch der Kulturschöffe der Stadt, Jean Tonnar, zur Zeremonie eingefunden.

Vom Wandeln auf klassischen Pfaden

Musikhochschuldirektor Marc Treinen eröffnete den Reigen und zog vorerst Bilanz über die vergangene Spielzeit, welche durchaus als „gutes Jahr“ betrachtet werden sollte. Die Besucherzahlen blieben stabil und das Programm war weitestgehend hochwertig. Diesen Gedanken will Marc Treinen auch auf die Spielzeit 2016/17 übertragen, weshalb er sich im besonderen freuen würde, könnte die Presse, das auf 23 Konzerte ausgelegte Programm, mit großzügigen Ankündigungen begleiten.

Ein sehr „klassisches“ Programm, welches ziemlich Elitär daherkommt und nur wenige Bewohner der einstigen Stahlarbeiterstadt ansprechen dürfte. Dieses bestätigt denn auch die Besucherzahl der vorangegangenen Saison, die nur knapp über 2.400 Einheiten beträgt. Allerdings ist die Qualität auch ein Kriterium und wenn dies die primären Ansprüche des Hauses sind, so darf ein Appell an die Kenner nicht ausbleiben. 2016/17 wird es einiges an anspruchvollem und „Muss man dabei gewesen sein“ geben.

Neben dem, sehr geehrte Leser, was sie sich eigens aus dem Programm auswählen werden, erlauben sie uns hier einige unserer Highlights hervorzuheben.

Wir wollen mit dem Astor Klezmer Trio einsteigen, welches das Publikum mit Werken des argentinischen Tangokomponisten Astor Piazzolla in die 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts entführen möchte. Es ist ein Abend den wir auch im besonderen einem jüngeren Publikum empfehlen möchten. So spiegeln doch Astor Piazzolla’s Werke die diesem Konzert geboten werden die kulturelle Vielfalt von Buenos Aires wieder, welche auch Esch seit Jahren erlebt.

Für die Liebhaber der Kammermusik empfiehlt sich das NFM Streichtrio Leopoldium mit Lynn Orazi am Klavier. Während das Trio bereits in den großen Konzertsälen Europas gastierte und dem Szenekenner nicht weiter vorgestellt werden muss, darf die Beteiligung von Lynn Orazi hervorgehoben werden. Diese junge Frau hat ihre ersten Schritte im Escher Konservatorium gemacht und ihre Virtuosität in Brüssel an der Königlichen Musikhochschule vervollständigt. Wer dem Zusammenspiel eines „Streichertrios“ und dem Klavier nicht abgeneigt ist sollte diesen Abend nicht verpassen.

Dem Jazzliebhaber hingegen, sollte das Konzert des David Ascani Quartett’s einen Besuch im Escher Konservatorium von Bedeutung sein. Der junge Saxophonist, auch ein Zögling des „Conservatoire“ und derzeit Student an der Hochschule für Musik in Saarbrücken wird mit eigenen Kompositionen aufwarten. David Ascani versteht es geschickt den modernen Stil mit klassischen Einflüssen in Harmonie zu bringen. Ein Höhrgenuss für alle Altersklassen den man nicht verpassen sollte. Unser Prädikat: „Besonders Wertvoll“.

Wo die „Bretter“ die „Welt“ bedeuten

Theaterdirektor Charles Müller konnte gleichfalls auf eine „gute“ abgelaufene Spielzeit zurückblicken. Sein Haus konnte mit 31.147 Besuchern für 69 Vorstellungen den Rang behaupten und dies darf gerne der smarten Programmgestaltung zugestanden werden. Charles Müller ist zudem das, was man gemeinhin als „alter Fuchs“ bezeichnen darf. Ein alter Fuchs allerdings der sich stets Gedanken über den Platz des Theaters in Luxemburg macht.

Er versteht es gekonnt seinen Krikitkern die Stirn zu bieten und zugleich einer neuen Generation von Regisseuren und Autoren den Weg zu ebnen. Dies sichert nicht nur den Standort sondern darf gerne als Grundlage für eine kulturell hochwertige Zukunft betrachtet werden. Somit muss auch dem Vorwurf einer zu sehr auf ausländische Produtkionen basierte Programmierung widersprochen werden.

Ein Manko allerdings, welches das Theater mit dem Konservatorium gemein hat, ist die Tatsache daß auch hier die ethnische Vielfalt der Stadt nicht wirklich berücksichtigt wird. Somit wird sich auch an dieser Stelle wieder auf „Qualität“ berufen. Doch ein Theater für „Alle“ könnte doch sicherlich auch qualitativ hochwertig sein.

Was für die Musikhochschule gilt, liebe Leser, wollen wir auch dem Theater zugestehen und Ihnen nachfolgend unsere besondere Auswahl aus dem Programm der neuen Spielzeit nicht vorenthalten. Dies schmälert aber keinesfalls die Wertigkeit allen weiteren Angeboten die Sie dem Programmheft entnehmen werden.

Weil uns Lachen wichtig und zudem Gesundheitsfördernd ist möchten wir die „Clowns von Sankt Petersburg“ in der Aufführung „Semianyki Express“ an dieser Stelle hervorheben. Ein Schauspiel welches des Besuchers Lachmuskeln sehr beanspruchen wird und auch den grantigsten Gesellen zur Frohnatur verwandeln wird. Aber ist es noch Zirkus oder schon Theater? Die Antwort auf diese Frage sollten Sie sich im Rahmen einer der drei angebotenen Vorstellungen vor Ort abholen.

Ein besonderes Leckerbissen sind auch die „Goldberg-Variationen“ von George Tabori. Und dies nicht weil Charles Müller die Inszenierung innehält sondern schlicht und ergreifend weil die sinnlich-ironischen Spielsituationen und Figuren mit hohem Wiedererkennungswert den Zeitgeist der Moderne ins Herz trifft. Ein Plädoyer und Aufruf zum undogmatischem Denken. Ein absolutes „Must“.

Als „Editors choice“ der Redaktion wollen und müssen wir auf „En Tiger am Rousegärtchen“ von den Theatern der Stadt Luxemburg, in Koproduktion mit dem Kasemattentheater, Escher Theater und Trifolion Echternach hinweisen. In dieser „Farce“ welche an die Übernahme von Arcelor durch Mittal erinnert, werden Seitenhiebe und die reale Globalisierung unsereres ach so kleinen „Letzbuerg“ in einer anschaulich brachialen Form dargebracht. Bänker und sonstige Kapitalfaschisten sollten sich am ersten und zweiten Dezember fürs Kino entscheiden.

Nicht minder wertvoll, wenn auch eher einem „Public averti“ empfohlen, die Koproduktion des Kassemattentheaters mit dem Theater Esch „Möglicherweise gab es einen Zwischenfall“ von Chris Thorpe. Hier unter der Regie von Max Claessen agieren drei Schauspieler im Wechsel von Extremsituationen und erzählen von politischen Umstürzen, Attentaten, Flugzeugabstürzen und Zivilcourage. Ein Blick auf die Welt im Zeitgeist des „Heute ist morgen bereits gestern“.

Die von uns ausgewählten Aufführungen sind aber nur einer klitzekleiner Ausblick auf eine insgesamt sehr intelligente und ausgewogene Programmierung. Eine Programmgestaltung die im übrigen alle Lügen strafen wird, welche die Ansicht vertreten daß Direktor Charles Müller am „Karriereende“ stehe.

Randnotiz:

Gerne hätten wir zu der von uns gepriesenen Auswahl Bilder beigefügt. Daß dem nicht so ist, schulden wir der Tatsache daß entweder gar keine Bilder angeboten wurden oder diese ohne Quellenangabe unseren Redaktionrichtlinen widersprechen. Folglich können wir uns der Aussage des Kulturschöffen, „dies sei Usus“ nicht anschließen und verzichten mit dem Hinweis auf den Respekt der Autorenrechte der Fotografen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *