Wenn der Plan d’aménagement général (PAG) der Stadt Luxemburg für Ärger sorgt

Der Bürger hat viele gute Gründe sich grün und blau zu ärgern, selten aber nimmt unsere Gesellschaft hiervon Notiz. Für die Redaktion von Indymedia ein sehr guter Grund eine Zuschrift (nahezu) ungekürzt zu veröffentlichen, die eigentlich der Brief an den Schöffenrat der Stadt Luxemburg ist.

Brief an den Schöffenrat der Stadt Luxemburg

Betrifft: Einspruch zum PAG/PAP QE

Sehr verehrter Schöffenrat,

eigentlich weiß ich ja gar nicht, ob die PAP QE in der offiziellen Prozedur sind oder nicht, da sie im Geneinderat nicht auf der Tagesordnung standen, so sie aber hätten stehen müssen, um behandelt und abgestimmt zu werden.

Sei’s wie’s sei, ich bin jedenfalls nicht damit einverstanden, da ich aus der H2 des Joly-Plans in eine HAB-1k umklassiert werde. Auch wenn ich mein Haus auf 44, bd. de la Fraternité noch immer gleich viel vergrößern darf wie davor (was bei anderen in der Straße nicht der Fall ist, was eine weitere Ungerechtigkeit darstellt für diese), darf ich es nicht mehr in drei Wohnungen aufteilen. Ich darf maximal nach den vorliegenden Vorstellungen noch ein „logement intégré“ machen, das maximal ein Drittel der Gesamtwohnfläche umfaßt (bei mindestens 20 Quadratmetern, was irgendwie eine Frechheit ist: das ist eine Besenkammer und keine Wohnung). So nebenher darf ich es als sonderbar empfinden, daß Stadt und Staat die Einliegerwohnung anders definieren – beim Staat muß sie nur kleiner als die andere sein, was meiner Auffassung heißt, daß eine Teilung 51 zu 49 Prozent möglich wäre. Aber wie gesagt, auch das ist für mich keine Lösung, da ich halt eben zwei Kinder habe, und ich selbst auch nicht vorhabe, mich in Luft aufzulösen.

Das ist jedenfalls für mein Haus eindeutig ein Wertverlust, mit dem ich nicht einverstanden sein kann. Ich habe zwei Kinder, die sich wohl kaum in der Stadt Luxemburg einen Bauplatz leisten werden können. Leistbar aber ist ein Ausbau des bestehenden Familienhauses in einer Art, die es ihnen und mir erlaubt, in einer eigenen Wohnung in aller Privatheit zu leben. Wenn mir dieses Recht genommen wird, wäre das mindeste eine entsprechende Entschädigung, aber das wäre immer noch nur die zweite Wahl. Ich verlange also, daß ich das Recht behalte, mein Haus nicht nur auszubauen, sondern es auch in drei separate Wohnungen teilen zu dürfen. Was im Nachbarhaus der Fall sein darf, muß auch bei mir der Fall sein dürfen.

Im übrigen finde ich diese großflächigen Umklassierungen von H3 und H2 zu HAB-1 als im Widerspruch mit den offiziell immer getätigten Absichtserklärungen, mehr Leuten ein Wohnen in der Stadt zu ermöglichen. Gegen diese Absicht ist ja auch nichts einzuwenden, würden doch mehr Einwohner weniger Wege in die Stadt hinein zur Arbeit bedeuten. Das allerdings nur, wenn nicht die Zahl der Arbeitsplätze schneller wächst als die Zahl der Einwohner, was leider die Zukunftsprojektionen ausweisen. Das ist grober Unfug, umso mehr als international mit einem Faktor von 2,5 Einwohnern pro Arbeitsplatz gerechnet wird um Pendlerverkehr klein zu halten. Doch dazu mehr später.

Es ist im übrigen auch ein Widerspruch zu der in den Vorerhebungen festgehaltenen Tatsache, daß die Haushalte kleiner geworden sind und auch die Wohnfläche pro Wohnung. Eine Möglichkeit wäre es, in den neuen HAB-1-Zonen mehrere Wohnungen pro Haus zu gestatten, eventuell verbunden mit der Forderung nach einer durchschnittlichen Wohnungsgröße von 52 Quadratmetern. Dies als Vorschlag zur Güte!

Ansonsten finde ich es wie bereits angesprochen eine regelrechte Katastrophe, daß im neuen PAG derart viele Flächen für neue zusätzliche Arbeitsplätze vorgesehen sind, daß eine Hochrechnung möglich wird, die 2030 – also in nur 14 Jahren – bis zu 80.000 zusätzliche Arbeitsplätze in der Stadt vorsieht. Das darf nicht sein, da eine Vergrößerung der Verkehrsfläche an den Stadteinfahrten ebenso unmöglich ist wie eine derartige Ausweitung der Kapazität des öffentlichen Transports, sodaß das unweigerlich zum Verkehrschaos landesweit führt.

Innersstädtisch wird das die Stauzeiten, die in den letzten Jahren stetig anwuchsen, noch weiter steigern. Das wiederum wird zu noch viel mehr Ausweichverkehr durch die Wohnviertel führen, was in letzter Zeit auch durch die Generalisierung der 30 km/h-Zonen nicht gebremst wurde: am bd de la Fraternité läßt sich das morgens und abends live und in Farbe besichtigen. Durch die Verallgemeinerung der Navigationssysteme trifft man heute auf Nicht-Einheimische in Straßen, in den sie früher nie zu sehen waren – und mehr Stau auf den großen Einfallstraßen führt unweigerlich dazu, daß mit den Navigationssystemen Auswege gesucht und gefunden werden.

Ist es schon jetzt schwierig, zu Spitzenzeiten am bd de la Fraternité (und in vielen anderen Straßen) aus der Garage hinaus auf die Straße zu gelangen, wird das dann völlig unmöglich werden. Daher sehe ich mich gezwungen zu fordern, im Interesse meiner ureigensten Lebensqualität, daß es zu einer radikalen Reduzierung der Flächen für künftige Arbeitsplätze kommt. Am liebsten ist mir eine Begrenzung der Zahl auf die aktuell vorhandenen, denn das sind eigentlich schon viel zu viele: es ist bereits genug davon vorhanden für eine Stadt mit 500.000 Einwohnern. Dies Land muß endlich dezentralisiert werden, es darf so nicht weitergehen mit der Überkonzentration der Arbeitsplätze auf die Stadt Luxemburg!

Wobei ich der Ordnung halber festhalte, daß die Tram keinen einzigen Pendler über die Stadtgrenze bringt, und die Tram-Kapazität auch auf keinen Fall ausreicht, innerstädtisch eine Entlastung zu bringen. Denn es werden nie 450 Leute in eine Garnitur passen, weil ganz einfach die aktuell in Luxemburg Zirkulierenden nicht mager genug sind um samt Tasche, Mantel und Regenschirm zu sechst auf einen Quadratmeter zu passen. Dafür frißt die Tram viel Verkehrsfläche und blockiert viel Zeit an den Kreuzungen, sodaß sie eher für eine Verschlechterung der Lage sorgen wird. Ich bin daher auch gegen das Freihalten weiterer Tramkorridore, um den teuren Unfug auszubauen. Ach ja, und die Propaganda der 10.000 Transportierten pro Stunde ist wohl auch an des Rechnens Unkundige gerichtet, die fressen, 20 x 450 also 9.000 und nicht 10.000.

Es gibt einen weiteren Grund, warum ein solches Wachstum nicht statthaft ist. Die Beggener Kläranlage ist nach Schließung der Bonneweger Kläranlage, die nicht ausgebaut wurde, um einen Bauplattz für die „Voirie“ zu haben, die einzige der Stadt Luxemburg. Sie ist ausgerichtet auf 210.000 Einwohnergleichwerte und dreht aktuell nach Angaben der Vorstudien bei 200.000 Einwohnergleichwerten. Beim prognostizierten ungebremsten Bevölkerungs- und Arbeitsplatzwachstum ist klar, daß die Kapazität kurz nach der nächsten Gemeinderatswahl zu klein sein wird. Es müßte also bereits die Erweiterung in Bau sein, dabei ist sie noch nicht einmal in Planung oder Prozedur. Wir wollen doch nicht sehenden Auges in eine Situation hineinkommen, wo die EU uns wieder Strafzahlungen abverlangt – ich zumindest möchte das nicht, denn ich sehe das als Verschwendung von Steuergeldern an, die anderweitig nutzbringender einzusetzen sind. Umso wichtiger ist es, den Zuwachs bei den Arbeitsplätzen radikal zu stoppen.

Ich verbleibe also mit meiner ganzen Unzuffriedenheit, solange der PAG nicht meinen Vorstellungen entspricht.

(Jean-Marie Jacoby)

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