Der Vertreter, der kommt, und der, der nicht kommt:

Aus der ZEITUNG VUM LETZEBUERGER VOLLEK
von Jean-Marie Jacoby

Forschungszentren ohne Linux-Abteilung

Der Luxemburger Staat entscheidet über seine Leistungsverträge mit CRP (»Centre de Recherche Publique«), den öffentlichen Forschungszentren, was dort geschieht. Zu jener Zeit, als die bayerische Landeshauptstadt München begann, sich Gedanken zu machen über einen Umstieg von Windows NT zu Linux, bestand im CRP Henri Tudor eine Linux-Abteilung, die den Unternehmen aus Kosten-, Stabilitäts- und Sicherheitsgründen einen Umstieg von den Systemen der USA-basierten beiden Großen auf Linux schmackhaft machen sollte.

linux-vs-MS

Tatsächlich sind dem einige Unternehmen gefolgt, bei den für Servern genutzten Systemen sogar recht viele. Bei Staat und Gemeinden aber tat sich im Gegenteil zu München gar nichts, obwohl lokale Expertise für eine gleichzeitige Entwicklung möglich gewesen wäre. Es war nicht die Bereitschaft vorhanden, die Firmenpolitik der beiden Großen zu durchschauen, die mit immer neuen Systemen vorherige Soft- und Hardware obsolet machen.

München hat sich inzwischen fast schon ein Opernhaus erspart mit dem konsequenten und vollständigen Umstieg auf Linux: es fließen somit von dort keine Lizenzgebühren mehr über den großen Teich in die USA. In Luxemburg werden die Steuerzahler dafür jedoch ungerührt weiter zur Kasse gebeten – am leichtesten sind die namhaften Posten in den Gemeindebudgets zu entdecken, sie gibt es aber genauso im Staatsbudget.

Als ob das nicht Trauerspiel genug sei, wurde die Linux-Abteilung im CRP Henri Tudor noch vor der Fusionierung desselben mit dem CRP Gabriel Lippmann am 1.Januar 2015 zum LIST (»Luxembourg Institute of Science and Technology«) aufgelöst. Beim LIST bleibt zwar Informationstechnologie weiterhin ein Thema, es taucht aber das nette Wörtchen »Linux« auf dessen Internetauftritt www.list.lu kein einziges Mal auf.

»Open Source« taucht nur noch bei »CECAMED« auf, einer abgesicherten Plattform in Partnerschaft mit Ärzten, um ihre medizinischen Daten zu verwalten. Genaueres läßt sich da aber nicht in Erfahrung bringen, da der Link auf www.santec.lu im Nirwana endet, was nichts Gutes verheißt. Aber auch ansonsten ist www.list.lu äußerst schwerfällig und kompliziert aufgebaut – ein Linux-Mensch steckt da sicher nicht dahinter!

Das alles ist sehr traurig, verrät es doch ein allgemein mangelhaftes Niveau bei Informationstechnologie in Luxemburg dort, wo angeblich die Verantwortung zu Hause ist. Bei Regierung, Gemeinden und dem Informatiksyndikat der Gemeinden herrschen Hörige jener Vertreter, die in schöner Regelmäßigkeit bei ihnen vorsprechen, wobei meist eine kleine nette Aufmerksamkeit am Schreibtisch zurückbleibt. Und diese Vertreter verkaufen dann eben Microsoft und Apple, bieten kleine nette Rabatte, und die Hörigen haben das Gefühl, etwas geschenkt bekommen zu haben. Das Gegenteil ist natürlich der Fall: sie haben sich noch tiefer in eine fürs steuerzahlende Volk teure Falle verstrickt.

Es bräuchte etwas Basiswissen, um diesen Verkäufern die Tür zu weisen. Geliefert wird das leider sicher nicht von Linux-Vertretern, denn die gibt es nicht. Dies weil Open Source definitionsgemäß nicht verkauft wird: sie steht zur Verfügung. Zur Anwendung in einem konkreten Umfeld – Betrieb, Gemeinde, Schule, Staat – ist natürlich Expertise nötig, und die kann eingekauft werden. Das aber ist kein Kostennachteil bei Linux, denn die Expertise ist in weit größerem Ausmaß bei den USA-Systemen nötig, ganz besonders bei den schwer instabilen Systemen von Microsoft.

Da keine Linux-Verkäufer rumlaufen, wird die Arbeit von anderen zu leisten sein im Interesse der Steuerzahlenden – die KPL hat dort, wo sie in Gemeinderäten vertreten ist, bereits mehrfach im Rahmen der Budgetdebatten darauf hingewiesen.

Immerhin ist auf www.wollmux.net bereits Version 16.04 der Formularsoftware-Erweiterung für Open- bzw. Libre Office verfügbar, die im Rahmen des »LiMux-Projektes« erarbeitet worden ist: sie dürfte jederzeit auch in Luxemburg gratis genutzt werden. Verstärken wir also gegen die Lobby-Arbeit von Microsoft und Apple diejenige für Linux und Open Source!

Linked:

Was Sie über Linux wissen sollten

Présentation de Brent Frère (vice-président de l’Internet Society Luxembourg): Le modèle économique du Libre

Présentation “Le logiciel libre dans l’entreprise” (LinuxDays 2005)

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