Los Angeles – Innsbruck – Luxemburg:

aus der Zeitung vum Lëtzebuerger Vollék
von Jean-Marie Jacoby

Vergleichbares und nicht Vergleichbares

Luxemburger Tram-Fans sind eine ganz besondere Sorte Leute, die sich absolut nicht an Fakten stören. Einer der ihren, nebenbei der größte Spielzeugeisenbahner des Landes, hat kürzlich ganz groß ausgeholt, um allen jenen den Mund zu verbieten, die seiner geliebten Hauptstadt-Tram zu wenig Kapazität bescheinigen. Er unterstellte ihnen, sie würden behaupten, die Tram tauge nichts, weil sie »die Kapazitätsprobleme unserer Autobahnen nicht bewältigen könne«. Wahr daran ist nur, daß die Tram keinen einzigen Pendler zur Arbeit in die Hauptstadt reinbringt, weil sie, wie er auf sein selbst konstruiertes »Argument« antwortet, nur ein rein innerstädtisches Verkehrsmittel sein wird.

Bloß: auf den Sandsteinfelsen des früheren »Gibraltar des Nordens« frißt sie zu viel Platz für die Kapazität, die sie hat, und sie wird bei einer hohen Frequenz die Kreuzungen blockieren. Diesen Vorwurf läßt sich auch mit dem Hinweis auf den Tram-Ausbau im autogerechten Los Angeles nicht entkräften!

Wobei natürlich unterschlagen werden muß, daß in den USA generell mit 2,9 (und nicht mit 6 wie bei Luxtram) Passagieren am Quadratmeter gerechnet wird, und im nicht kreuzungsfreien Betrieb, wie er in Luxemburg geplant wird, mit einem Maximum von 4.600 an pro Stunde transportierten Passagieren – und nicht mit 9-10.000! Das kann natürlich nicht mitgeteilt werden, belegt es doch, daß die Hauptstadt-Tram zu wenig Kapazität für all das haben wird, das ihr aufgelastet werden soll.

Wobei die empfohlene Lösung für die Autobahn vom Spielzeugeisenbahner von Los Angeles widerlegt wurde, nämlich die Verbreiterung um eine weitere Spur. Die wäre in Luxemburg nicht unsinniger, da die Stadt- und Ortseinfahrten nicht erweiterbar sind.

Nicht vergleichbar!

Wobei generell Los Angeles und Luxemburg nicht vergleichbare Orte sind. Zunächst ist festzuhalten, daß die Metropole am Pazifik in einer riesigen Tiefebene liegt, die im Durchschnitt 32 Meter überm Meeresspiegel liegt. Zu fragen ist da zweitens, welches Los Angeles gemeint ist. Etwa das administrative Stadtgebiet, wo auf 1.290,6 km² 3,9 Millionen wohnen? Ist die Metropolregion aus 173 selbständigen Städten mit 12,9 Millionen Einwohnern auf 87.792 km², zu denen auch Wüsten zählen, gemeint? Oder etwa das County mit 88 selbständigen Städten? Oder gar die »Greater Los Angeles Area« mit 17,8 Millionen Einwohnern? Egal wie: die weltweit 17. Metropole nach Einwohnerzahlen und die zweite in den USA nach New York ist weder mit der Stadt, noch dem Land Luxemburg und auch nicht mit der berühmten »Großregion« vergleichbar.

Das Land Luxemburg beherbergt auf 2.586 km² nur 576.200 Menschen, die Hauptstadt auf 51,5 km² nur 115.200 (laut Statec und laut Schöffenrat 112.700)! Das sind völlig andere Größenordnungen.

Tram braucht Platz

Eine Tram ist ein vorzügliches Verkehrsmittel, wenn der Platz dafür da ist und sie nicht zur Behinderung für alle anderen wird. In Innsbruck geht man davon aus, daß eine Straßenbahn im nicht kreuzungsfreien Betrieb zwischen den Garnituren mindestens 7, besser noch 10 Minuten Abstand hat, weil sonst die Kreuzungen nicht mehr funktionieren. In Luxemburg soll das keine Rolle spielen, nicht einmal bei drei und noch weniger Minuten. Das kann nicht gut gehen.

In Los Angeles gibt es viel Platz, sonst wären Autobahnen bis zu 15 Streifen pro Richtung nicht machbar gewesen. Auch wenn am 31.3.1963 der Straßenbahnverkehr, nach Aufkauf der Linien, die 1925 1.900 Netzkilometer hatten, durch die Automobilkonzerne, abgedreht wurde, gab’s trotzdem öffentliche Verkehrsmittel: nur im County macht das über 10.000 Bus-Netzkilometer, wobei der größte der vielen Betriebe ein öffentlicher ist: die »Los Angeles County Metropolitan Transportation Authority« mit 2.762 Bussen. Sie betreibt seit 14.7.1990 mit der »Blue Line« auch wieder Straßenbahnen.

Am 30.1.1993 wurden mit der »Red Line« 28 km U-Bahn in Betrieb genommen, zu der kurz danach mit der »Purple Line« eine zweite dazukam. Aufgrund der Erdbebengefahr wurde der U-Bahn-Ausbau dann gestoppt. Statt dessen kam es an der Oberfläche zum Ausbau eines Stadtbahnnetzes – Platz ist ja da. 1995 wurde die »Green Line« eröffnet, 2003 die »Gold Line« und 2012 die »Expo Line«, die seit 20.5.2016 bis an die Pazifikküste am Santa Monica Pier reicht.

Fahrrad-Förderung

Das alles ist folglich nicht wirklich neu. Wobei immer erst 10% der Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln erledigt werden, zumeist von den 22%, deren Einkommen unter der Armutsgrenze liegt.

Die »Metro« bemüht sich aber ganz intensiv, neue Schichten auf die Öffis zu kriegen. Das in Verbindung mit dem 2006 aufgelegten »Bicycle Transportation Strategic Plan«. In Santa Monica gibt es ein Fahrradverleihsystem mit 800 Fahrrädern auf 80 Stationen seit 12.11.2015, dem ein mit diesem leider nicht kompatiblen System mit 1.000 Fahrrädern in 65 Stationen in Downtown Los Angeles am 7.7.2016 folgte. Kompatibilität und weiterer Ausbau werden versprochen.

Interessant für Luxemburg ist, daß da das ehrenwerte Publikum ausdrücklich darauf hingewiesen wird, mit den Fahrrädern auf der Straße und nie auf den Bürgersteigen zu fahren: »Never ride on Santa Monica sidewalks« oder freundlicher formuliert in Downtown: »We strongly encourage riding on the street to be courteous to pedestrians on sidewalk. Remember even if there is no bike lane, every lane is a bike lane.« Bleibt’s also weg von den Bürgersteigen und denkt daran, daß wenn es keine Fahrradspur gibt, jede Fahrspur eine Fahrradspur ist! Und das in einer als autogerecht verrufenen Stadt, die jetzt Reklame damit macht, daß man sich die lästige Parkplatzsuche erspart, und gleichzeitig etwas für seine Gesundheit tut, indem auf das Fahrrad zurückgegriffen wird. Daran sollte sich Luxemburg ein Beispiel nehmen, nicht an der Tram.

Schließlich beweist die Luxtram SA nicht nur mit dem Wegknabbern von Platz am Glacis, sondern auch mit den technisch kürzest möglichen Kurvenradien, die jede Tram zur Schnecke machen, daß tatsächlich auf den alten Festungsfelsen kein Platz für so einen Platzfresser verfügbar ist.

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