Höher bauen um im Grünen zusammen zu wohnen

aus der ZEITUNG VUM LETZEBUERGER VOLLEK
von Jean-Marie Jacoby

Was wäre denn so falsch daran?

Es ist erschreckend, wie die verschiedensten Leute aller Sektionen der bürgerlichen Einheitspartei in festgefahrenen Bahnen »denken« und funktionieren. Kürzlich tat sich einer großmächtig hervor mit der Aussage: »Verdichtete Bauweise muß kein 70-stöckiges Hochhaus bedeuten.« Er kam sich dabei zweifelsfrei besonders schlau vor, da absolut sicher, damit den Nerv aller Vorgartenbesitzer getroffen zu haben. Doch was wäre eigentlich so grundfalsch an einem derartigen Hochhaus zum Wohnen?

Gut, das haben »wir« noch nie so gemacht. Aber ist das ein hinreichendes Argument? Wurde wirklich im Luxemburger Lande im Wohnbau alles extrem richtig gemacht? Wohl kaum, sonst könnten wir ja keinen Mangel an Wohnungen haben! Und keine Probleme, vielerorts einen leistungsfähigen öffentlichen Nahverkehr zu organisieren, weil die Leute zu weit verstreut voneinander wohnen und so keine kritische Nutzermasse zustande kommt.

Der Schifflinger Schöffenrat möge uns bei aller seiner Freude über dieses Projekt nicht böse sein, aber Wohnungen im Grünen sind das nicht: richtiges Grün gibt es nur weit weg oben am Hügel!
Der Schifflinger Schöffenrat möge uns bei aller seiner Freude über dieses Projekt nicht böse sein, aber Wohnungen im Grünen sind das nicht: richtiges Grün gibt es nur weit weg oben am Hügel!

Klar, wenn zur Zeit in Luxemburg gebaut wird, wird so nirgends gebaut. Üblich ist es, sich mit dem Erdgeschoß und drei zusätzlichen Stockwerken zu begnügen, das letzte kleiner und daher mit einer ordentlichen Terrasse versehen. Wie wenig öffentliches Grün dabei noch übrig bleibt, läßt sich gerade aktuell in Schifflingen besichtigen: nicht mehr als ein paar Straßenbäume in klitzekleinen Baumgefängnissen, wobei das private Grün für Erdgeschoß-Privilegierte nicht gerade üppig ausfällt. Ach ja, für die Kleinkinder ist auch noch ein Spielplatzchen da, die Größeren mögen schauen, wo sie bleiben. Für wirkliches Grün bleibt nur der Weg über die Ortsgrenzen hinaus.

Das könnte alles ganz anders sein mit der gleichen Zahl Wohnungen in einem einzigen Hochhaus. Die verbaute Grundfläche wäre damit viel kleiner, und das Hochhaus könnte regelrecht in einem kleinen Park stehen. Im Hochhaus könnten sich ebenfalls Gemeinschafts- und Versammlungsräume finden für ein Gemeinschaftsleben dieses kleinen Dorfes, denn, ja, in solch einem Haus käme leicht die Bevölkerung unter, wie sonstwo in einer Streusiedlung, ohne aber vergleichweise viel Platz zu verbrauchen.

Kein schöner Traum?

Träumen wir doch einfach mal gemeinsam! Es könnte vorm Hochhaus einen überdachten Platz geben fürs Spielen auch bei Regen oder dem typisch Luxemburger Tröpfeln für Groß (z.B. Pétanque), Klein (Sandkiste) und auch dazwischen (Tischtennis). Im Freien im Park rundum könnte es neben Wegen Platz für Spielplätze der verschiedenen Alterstufen, einen Grillplatz und Lauben geben – alles Sachen, für die nie Platz bleibt mit der bisher landestypischen Verbauung. Aber das würde zweifelsfrei zu erheblich mehr Wohn- und Lebensqualität beitragen. Es sei denn, daß gar nicht gewünscht wird, daß eine Gemeinschaft entsteht in einem Neubauviertel, hätte so etwas nur Vorteile für das Wohlbefinden der dort neu Zuziehenden.

Wenn nun fürs erste die 70 Stockwerke nach gar viel zu viel ausschauen: es dürften auch ein paar weniger sein. Die Frage ist immer nur die, wie viele Menschen an einem Ort untergebracht werden sollen – und zwar tunlichst nicht in einem völlig verbauten Gebiet. Statt zahlreiche neue Betonwüsten an bestehende Ortschaften anzuhängen, sollte es eigentlich darum gehen, Menschen in einer grünen Umgebung anzusiedeln. Sie sollen beim Blick aus dem Fenster auf Wiesen, Hecken, Bäume und Plätze blicken, die zum Zusammensein in der Freizeit einladen.

Eine tolle Betonlandschaft erschließt sich da: wer niedrig baut, hat eben keinen Platz für eine weiträumige grüne Außengestaltung!
Eine tolle Betonlandschaft erschließt sich da: wer niedrig baut, hat eben keinen Platz für eine weiträumige grüne Außengestaltung!

Das erlaubt einerseits für viele Wohnungen zu schaffen, andererseits die Bodenversiegelung stark zu minimieren. Gleichzeitig ist so ein Hochhaus mit 1.000 bis 3.000 Bewohnern ein idealer Platz für eine Bushaltestelle, zu der niemand einen weiten Weg hat. Und wenn mehrere solcher Hochhäuser z.B. in einem Abstand von 500 Metern stehen, kommt dieser Bus sogar schneller voran, als wenn er in einer Reihenhaussiedlung alle 200 Meter eine Haltestelle hat, um ab und an ein paar Versprengte einzusammeln.

Dem gegenüber müßte das, was bisher in diesem Land gebaut wird, eigentlich abschreckend wirken: die Wohn- und Lebensqzualität ist bei hoher Bodenversiegelung und hohem Grundverbrauch da viel niedriger. Und vor allem: so wie bisher können wir unmöglich weitermachen, wenn wir zwei Dinge erreichen wollen: die aktuell real vorhandene Wohnungsnot beseitigen und Unterbringung für alle jene möglich machen, deren Kommen in dieses Land erwartet wird.

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