Ohne Gurt in den Baum geknallt:

aus der ZEITUNG VUM LETZEBUERGER VOLLEK
von Jean-Marie Jacoby

Der Griff, der Leben beendet

Es ist ermüdend, immer wieder vorgehalten zu bekommen, wenn die 35% der 36 Verkehrstoten des Jahres 2015 angeschnallt gewesen wären, hätte es deren weniger gegeben. Das wird nicht richtiger, wenn die Zeitung, wo vorn drauf steht »Für Wahrheit zu schlecht«, einen Polizeibeamten namens Koener bemüht, um zu behaupten: »Viele tödliche Unfälle hätten verhindert werden können, wenn die Insassen den Gurt angelegt hätten.«

Das ist viel zu kurz gegriffen. Und seitens eines Polizeibeamten ist da ganz viel Unehrlichkeit dabei, denn im ganzen Sicherheits- und Rettungskorps zirkulieren immer wieder die Informationen nach so einem schönen Toten am Baum, daß zu Hause ein Abschiedsbrief gefunden wurde. Diese Toten gehörten deswegen ehrlicherweise als Selbstmörder, die Erfolg hatten, statistisch erfaßt – und nicht als Verkehrstote.

Und Lebensmüde wird niemand mit der Drohung mit einem Bußgeld von 145 € und einem Abzug von zwei Punkten am Führerscheinkonto davon abhalten, den Griff zu tun, um den Sicherheitsgurt zu lösen, bevor ein schöner Straßenbaum direkt und ungebremst angesteuert wird. Selbst hohe Alkoholisierung ist dann kein Grund von Unfall zu sprechen, denn da hat sich dann nur einer den nötigen Mut angetrunken! Ein Toter braucht eben keinen Führerschein mehr, und man kann ihm auch kein Bußgeld aus der Tasche ziehen.

Selbst wenn mit der falschen statistischen Erfassung einerseits die offizielle Zahl der Selbstmorde gedrückt wird, was Luxemburg besser da stehen läßt im internationalen Vergleich, so wird damit ein völlig falsches Bild der Unfallproblematik im Lande gezeichnet. Das alles, um mehr Repression zu rechtfertigen? Oder um die Bauwirtschaft mit neuen Aufträgen für Leitschienen zu beglücken? Oder etwa, um den Hinterbliebenen die Auszahlung von Kasko- und Lebensversicherung zu retten? Oder am Ende etwa mit allen drei Hintergedanken?

Es stimmt, Herr Koener: »Der Gurt ist lebenswichtig« – bei einem Unfall. Weshalb es für einen Lebensmüden wesentlich ist, ihn nicht zu tragen, da das ihm den Erfolg seiner Aktion zu rauben droht. So viel Ehrlichkeit muß einfach sein, das zuzugeben.

Wobei die Art Selbstmord eigentlich noch zu den respektvollsten gegenüber der Gesellschaft gehört, die denkbar sind. Denn wer so sein Leben beendet, schädigt damit nicht massenhaft Unbeteiligte, wie das der Fall ist, wenn sich wer vor einen Zug wirft. Wir sollten dem Auto-Selbstmörder am Baum also nicht allzu gram sein und auch dem Baum nicht die Schuld geben. Denn der kann nichts dafür, daß da jemand ist, der sein Leben unter den Bedingungen des real existierenden Kapitalismus nicht mehr erträgt. Der Baum springt nicht in die Straße, er ist nur Mittel zum Zweck für einen Lebensmüden, der aus seinem Dasein scheiden will.

Aber wahrscheinlich ist das viel zu viel Ehrlichkeit von den Anhängern dieses Systems verlangt, dort nach den Ursachen zu suchen. Es müßte ja dann über fehlenden sozialen Zusammenhalt, über Vereinsamung, über die negativen Folgen der Ellbogengesellschaft und die Kulpabilisierung des Einzelnen geredet werden, der Opfer wird von finanziellen Problemen, von Mobbing, von Arbeitslosigkeit, von Überarbeitung und Überforderung .

Und dann könnten wir nur zur Schlußfolgerung kommen, daß wir eine andere, sozialere und solidarische Gesellschaft brauchen, die Lebensfreude nicht tötet, sondern fördert. Das aber müssen alle Nutznießer des aktuellen Systems fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Gut, verrußten Teufel gibt’s in Wirklichkeit keinen mit Klumpfuß und Hörnern, aber der real existierende Kapitalismus mit all seiner Ausbeutung und seinem Konkurrenzdruck ist ein weit schlimmerer Teufel als die Sagengestalt religiöser und nicht religiöser Märchen.

Wer also weniger Selbstmorde in der Statistik verbuchen will, sollte sie nicht mit Tricks in der Verkehrsstatistik unterbringen, sondern die wahren Ursachen benennen und bekämpfen!

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