Pippi in New York

aus der Zeitung Junge Welt
 von Volker Hermsdorf

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Mit dem Versprechen »Change« (Veränderung) gewann Barack Obama am 4. November 2008 zum ersten Mal die Wahl zum Präsidenten der USA. Dem von Kriegseinsätzen, Armut, sozialer Ungleichheit und Rassismus entmutigten Teil der Bevölkerung macht er mit dem Satz »Yes we can« (Ja, wir können es) Hoffnung, und die Welt glaubte an seinen guten Willen, als er im Herbst 2009 in seiner ersten Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen einen Wandel in der US-Außenpolitik versprach. Bei seinem letzten Auftritt vor dieser illustren Runde der Staats- und Regierungschefs konnte man Barack Obama nicht einmal mehr seinen guten Willen attestieren.

Über seinen Satz, dass »die Welt in vielerlei Hinsicht weniger gewalttätig und wohlhabender als jemals zuvor« sei, können in den Kriegs- und Besatzungsgebieten des Nahen Ostens, Nordafrikas und Afghanistans sowie den von parlamentarischen Staatsstreichen erschütterten Regionen Lateinamerikas nicht einmal mehr die Hühner lachen. In seiner Abschiedsvorstellung wirkte der mächtigste Mann der Welt am Dienstag ein wenig wie Pippi Langstrumpf: »Ich mach mir die Welt / widdewidde, wie sie mir gefällt.«

jungeweltErst wenige Tage vor Obamas Rede hatte die Militärkoalition unter Führung der USA rund 80 Soldaten der syrischen Armee getötet, über 100 verletzt und damit die auf russische Initiative vereinbarte Waffenruhe torpediert. Und während Obama über den Frieden spricht, treibt seine Administration das umfangreichste Programm zur Modernisierung von Atomwaffen in der Geschichte des Landes voran. In den nächsten Jahren wollen die USA Hunderte von Milliarden Dollar in ihr atomares Militärpotential investieren: Strategische Bomber sowie land- und seegestützte Interkontinentalraketen sollen erneuert, neue Träger wie beispielsweise U-Boote entwickelt werden. Gleichzeitig stationiert die NATO Tausende Soldaten an der russischen Grenze. Auch militärische Drohgebärden gegenüber der Volksrepublik China nehmen zu. Die Gefahr einer direkten kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den Atommächten wächst von Tag zu Tag. Doch Pippi Obama Langstrumpf sagt, die Welt sei heute »weniger gewalttätig«. Während Obamas achtjähriger Amtszeit haben die USA jeden Tag in verschiedenen Regionen der Welt Kriege geführt. Nicht ausschließlich, aber in erster Linie wegen dieser Politik ist die Gefahr eines globalen Krieges, seit er Präsident wurde, gewachsen. Den bereits – und erstmals in der Geschichte – vorab verliehenen Friedensnobelpreis hat dieser Präsident sich auch nachträglich nicht verdient.

Bleibt die vielgepriesene Annäherung an Kuba, die ihn in der Tat positiv von den Vorgängern unterscheidet, aber auch die Grenzen der Veränderbarkeit der US-Politik aufzeigt, denn die völkerrechtswidrige Blockade ist noch immer in Kraft. Dass Obama sich bei seinem Abgang die Realität zurechtbiegt, war jedoch zu erwarten. Und dass die Konzernmedien danach seinen Pippi-Langstrumpf-Liedtext als »großen Auftritt« (Der Spiegel) feierten, erstaunt auch nicht wirklich.