Wegen Karikatur ermordet

aus der Zeitung Junge Welt
von Gerrit Hoekman

Jordanischer Journalist wurde
auf offener Strasse erschossen

Protestdemonstration empörter Jordanier nach dem Mord an Hattar © EPA/JAMAL NASRALLAH/dpa
Protestdemonstration empörter Jordanier nach dem Mord an Hattar © EPA/JAMAL NASRALLAH/dpa

Der jordanische Journalist und Schriftsteller Nahed Hattar ist am Sonntag in Amman einem Attentat zum Opfer gefallen. Der 56jährige befand sich gerade auf dem Weg ins Gericht, als er aus nächster Nähe von drei Kugeln getroffen wurde. Hattar musste sich vor dem Richter wegen einer Karikatur verantworten, die er Mitte August über Facebook verbreitet hatte. Der vermeintliche Täter wurde festgenommen, es soll sich um einen bekannten Extremisten handeln, wie Jordan Times berichtet. Andere Medien schreiben, dass es sich um den Imam einer Moschee in Amman handele.

Die Karikatur, die den Titel »Gott des IS« trägt, zeigt einen Islamisten im Paradies, der seine Lagerstatt mit zwei Frauen teilt. Gott schaut ins Zelt und fragt: »Kann ich etwas für dich tun?« Der Gotteskrieger antwortet: »Hole mir ein Glas Wein und sage Gabriel, er soll Cashew-Kerne bringen. Und schick einen deiner Unsterblichen vorbei, um den Boden sauber zu machen und die dreckigen Teller wegzubringen.« Im Islam hat der Engel Gabriel den Koran an den Propheten Mohammed übermittelt.

Ob die Zeichnung aus Hattars Feder stammt oder er sie nur geteilt hat, ist noch unbekannt. Wie die amtliche jordanische Nachrichtenagentur Petra am Montag meldete, dürfen die Medien im Königreich nach einem Gerichtsurteil nur noch die offiziellen Stellungnahmen von Polizei und Staatsanwaltschaft verbreiten, um die Ermittlungen nicht zu gefährden.

Die Karikatur wurde von vielen Jordaniern als Gotteslästerung empfunden. Abbildungen von Gott und dem Propheten Mohammed sind auch im Mainstream-Islam grundsätzlich nicht erlaubt. In Jordanien sind sie per Gesetz verboten. Die Polizei nahm Hattar deshalb fest, bis er vor zwei Wochen gegen Kaution bis zum Prozess wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Im Internet entschuldigte sich der Journalist für die Provokation. Er habe nicht beabsichtigt, Gott zu beleidigen, sondern habe die Radikalen und deren Konzept vom Himmel und vom Paradies verulken wollen. Auch sind es unter den islamischen Gruppierungen die Salafisten einschließlich der militanten Dschihadisten, die Gott zum Teil anthropomorphe Züge – so eine Hand, wie sie auf der Zeichnung zu sehen ist – zuschreiben.

Hattar stammte aus einer christlichen Familie, bezeichnete sich selbst aber als Atheisten. Er galt als Anhänger des syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad und arbeitete eine Zeitlang für die linke Beiruter Tageszeitung Al-Akhba. Seine Ansicht, den palästinensischen Flüchtlingen im Land die politischen Rechte zu beschneiden, machte ihn nicht besonders beliebt in den zehn Palästinenserlagern im Königreich. Etwas mehr als zwei Millionen Palästinenser leben seit ihrer Vertreibung in Jordanien, die allermeisten besitzen die jordanische Staatsbürgerschaft. Insgesamt hat das Land 9,5 Millionen Einwohner. Allerdings setzte sich Hattar für das Rückkehrrecht der Palästinenser und einen Palästinenserstaat ein.

Hattars Sympathisanten erheben nun schwere Vorwürfe gegen die Justiz. »Der Mord ist eine direkte Folge der halbherzigen Politik der jordanischen Autoritäten auf dem Gebiet der Meinungsfreiheit«, sagte Scherif Mansur von der in Washington beheimateten Organisation »Komitee zum Schutz der Journalisten« gegenüber der Presse. Ende der siebziger Jahre war Hattar bereits mehrfach verhaftet worden, weil er den damaligen jordanischen König Hussein kritisiert hatte. 1998 war schon einmal ein Attentat auf ihn begangen worden. Besonders Ministerpräsident Hani Al-Mulki steht in der Kritik, weil er Hattars Festnahme veranlasst hatte, wie der arabische TV-Sender Al-Dschasira berichtete. Auch habe der Staat sich nicht nur an die Spitze derer gestellt, die Hattar wegen der Karikatur kriminalisierten, sondern ihm trotz der Todesgefahr Polizeischutz vorenthalten.

Viele radikale Islamisten feiern in ihren Internetforen den Tod des Journalisten hingegen als gerechte Strafe und jagen damit Kritikern Angst ein. Der marokkanische Zeichner Khalid Gueddar bat am Montag um Polizeischutz, weil er nach eigenen Angaben Morddrohungen erhalten habe. Gueddar gibt in Marokko die Satirezeitschrift Baboubi heraus, in der die Karikatur aus Solidarität noch einmal veröffentlicht wurde.